Rudi. Oder: Was ein Faden anrichten kann

Über eine Tierarztpraxis kam ich in Kontakt mit einer Frau, die an einer von Touristen frequentierten Gegend eine an den Füßen verschnürte Taube gesehen hatte und um Hilfe beim Einfangen bat. Die Fäden schnitten bereits tief in die Zehen ein, das Tier humpelte.
Schnell stellte sich heraus, dass gleich mehrere der insgesamt wenigen Tauben dort eingefangen werden mussten.
Wie kam das nur, dass ausgerechnet dort so viele Tauben mit schmerzenden und entzündeten Gliedmaßen unterwegs waren?  Diese Tauben – darunter mehrere mit Rassetaubenmerkmalen -  waren hauptsächlich darauf angewiesen, ihr „Futter“ in Form von Krümeln an den Straßencafes zu suchen. Dabei kamen sie reichlich in Kontakt mit Fäden, Haaren und Verpackungsmaterialien, die Menschen frei- und unfreiwillig regelmäßig verlieren.

Um einen Täuber haben wir uns leider erfolglos bemüht: Rudi. Ende Mai waren beide Füße von einem Faden umschlungen, an dessen Ende auch noch ein Hühnerknochen hing. Der Knochen muss sich abgelöst haben, aber stattdessen „zierte“ ein schwarzer Nylonfaden das noch lockere Geknäul um beide Füße zusätzlich.
Der erste Versuch, das Tier direkt unter einem der unbesetzten Tische auf dem Gehweg zu greifen, wurde sofort durch den Cafébetreiber vereitelt. Dass seine Gäste Brotbrocken bis auf die Fahrbahn warfen, schien weniger zu stören.
Während sich Rudi weiteren Fangversuchen an halbwegs passantenarmen Stellen entzog, sich die Fäden immer fester zuzogen und die Zehen anschwollen, kamen andere Tauben in den Genuss einer „Fußpflege“, teilweise unter tierärztlicher Behandlung.
Leider glichen die Fangversuche eher einem Spießrutenlauf: Kaum war eine kleine Taubenschar mit Futter vor die Füße gelockt, um die gesuchte verschnürte Taube herauszugreifen, scheuchte irgendjemand pöbelnd die Tauben auf. „Die Drecksviecher auch noch füttern!“ Erklärungsversuche halfen oft kaum, obwohl Rudi – für jeden sichtbar – vor Schmerzen nicht mehr laufen konnte und sich auf den Boden kauerte. Einmal erteilte ein Hausmeister sofort ein Hausverbot auf einem wenig frequentierten Platz: „Dann gefälligst zwei Meter weiter auf dem Gehweg einfangen!“ (trotz Passantenstrom).
Rudi hielt sich jetzt trotz Hunger nur noch am Rand der kleinen Taubengruppe auf, wurde von einzelnen Tauben weggehackt, was die Fangversuche erschwerte. Helfer*innen mit Keschern zogen ohne ihn wieder ab. Mitte August riss endlich der Faden zwischen den Füßen, aber die meisten Zehen waren dicke Klumpen mit Nekrosen und nicht mehr zu retten. Durch die Fütterung bei den Fangversuchen hat Rudi wahrscheinlich die grässlichen Entzündungen überlebt. Er humpelt stark und leidet noch immer.

Seitdem die kleine Taubengruppe auch artgerechtes Futter findet, sind weniger Tauben verschnürt: Sie suchen jetzt seltener unter den Tischen der Cafés. Doch weder die Fütterung auf der Straße, für die es keinen geeigneten Platz gibt, noch das ständige Einsammeln von Fäden und Klebestreifen auf den Gehsteigen sind Dauerlösungen. Weg von den Füßen der Menschen gehören Stadttauben in Taubenhäuser, auf die man in Berlin seit Jahren wartet. Dort bräuchte keine Taube Fäden in ihr Nest schleppen (oder man würde es sofort sehen) und notfalls könnte man sie im Schlag auch leicht einfangen und rechtzeitig entfesseln.

Fadenmaterialien werden auch Wildvögeln zum Verhängnis. Als Nistmaterial eingetragen strangulieren sich v. a. Jungvögel im Nest daran. Das in der Landwirtschaft benutzte, kaum verrottbare Kunstfaser-Bindegarn fordert Opfer auch unter Greifvögeln und Störchen.  Helium-Ballons an langen Bändern gehören ebenfalls nicht in die Umwelt.
Ordnungsämter, Marktbetreiber*innen und Eventmanager*innen (Straßenfeste) erwiesen sich bereits als verständnisvolle Ansprechpartner, die das Liegenbleiben von Fadenmaterial ( u. a. durch Stoff- und Kleiderverkauf, zerrissene Verpackungsnetze / Weihnachtsbaumnetze, Angelschnüre, Kunsthaarflechten im Freien u. ä.) einzugrenzen versuchten. Warum manche Zeitgenossen Zahnseide und ausgekämmte Haarknäuel ausgerechnet auf der Straße entsorgen, bleibt ein Rätsel.