Alfons' Berliner Schnauze

Zieh Leine!

Falls beim letzten Mal een falscher Eindruck entstanden ist: Ick bin keineswegs een Ruhiger. Ick würde mir als mittelagil bezeichnen. Meine Führungskraft nennt dit ungestüm. Aber da kann man nicht mit Führungskräftemaßstab rangehen. Außerdem neigt sie zum Übertreiben. Sie ist mit ihre zwei Beine einfach nicht schnell genug und deshalb wahrscheinlich neidisch uff meine läuferischen Möglichkeiten. Sie sollte dit einfach mal mit vier Beine probieren. Dit geht wirklich besser. Und es hätte noch een Vorteil: Sie hätte keine Pfote mehr frei für die Leine. Cool! Wir könnten, wie sich dit für richtige Säugetiere gehört, uff vier Beine durch die Gegend wetzen, Äste zerknacken, Bälle holen, baden. Ick und sie: rennen, bis wir nicht mehr können und uns hechelnd in den Schatten fallen lassen. Aber Stopp mal. Jetzt träume ick.


Neulich passiert mir nämlich Folgendes: Ick bin früh mit meine Führungskraft unterwegs: große Runde mit Ball spielen, Kumpels treffen, rumtoben. Dit erkenn ick an die Route, die meine Führungskraft einschlägt. Ich verhalte mir also ganz unauffällig, latsche so freundlich an die Leine neben ihr her, lese nur so im Vorbeigehen die Botschaften von den anderen Hunden an die Laternenpfähle und hebe mein Bein ooch nur, wenn eine Laternennachricht echt unverschämt ist. Ick bin so voll der entspannte Hund, weil ick weeß, gleich kommt der Weg, an dem sie mich abmacht und ick loslaufen kann. Ick seh den Weg von Weitem, leg den doppelten Turbo uff meine Zugmaschine und will ab. Dit gibt einen gewaltigen Ruck und ick hänge im Geschirr. Ick wundere mir und denke: Mensch, nu kann sie aber ooch hinnemachen mit dem Abkoppeln. Ick will mit meine ganze Kraft nach vorn, kommt noch so ein Ruck von hinten. Meine Führungskraft ruft: „Alfons!“ Ick drehe mir um und denke: So ein Mist! Jetzt hab ick mal wieder vergessen, dass die Leine locker sein muss, bevor sie mir abmacht. Ick lasse also locker. Und wat passiert? … Nüscht! Kein Ableinen, kein Ball spielen, kein Rumspringen und alle Kumpels ooch an die Leine. Ich denke: Dit ist een Albtraum. Alle Führungskräfte sind über Nacht krank geworden oder so wat. Aber dit ist viel schlimmer.


Meine Führungskraft sagt, dit mit die Leine ist jetzte so: Hunde wie ick müssen ab dieset Jahr überall und immer in Berlin an die Leine rumschleichen. Dit haben sich Berliner Politiker ausgedacht. Na, da kannste dir vorstellen, wie baff ick war: Ick soll für den Rest von mein junget Leben an die Leine! Bin ick 15 und hüftkrank? Ist dit jetzt artgerecht, oder wat?


Damit ick wenigstens ab und zu een bisschen frei laufen könnte, müsste meine Führungskraft theoretisch so'n Schein machen, aber der Schein kostet wat. Nu koste ick aber ooch ordentlich wat. Ick vertrag nämlich nur sauteuret Spezialfutter. So'n Freilaufschein muss aber jeder aus die ganze Familie machen, der mit mir spazieren geht. Dit sind bei mir dreie und die Oma. Bei der bin ick doch so gern. Die Führungskraft sagt, dit ist nicht drinne, weil dit zu teuer ist.


Wat soll dit, ihr Politikknaller? Ick darf nur noch von die Leine, wenn meine Führungskraft gegen dit Gesetz verstößt? Ick darf nicht mal mehr Bällchen holen spielen? Was is dit denn für eene Idee? Ick hatte gedacht, die Kettenhundphase in die Beziehung zwischen Menschen und Hunde wär vorbei. Aber nicht in Berlin. Da dreht sich die Zeit rückwärts.


Nun bete ick jeden Abend, an dem ick von dit trostlose Trotten an die Leine zurück nach Hause komme und traurig unter dem Tisch liege, zur Großen Mutter aller Hunde: Die zuständigen Politiker und Abgeordneten mögen doch im nächsten Leben als Leinen-Hund in Berlin reinkarniert werden. Da mein Verhältnis zu Müttern im Allgemeinen hervorragend ist, rechne ick meinem Gebet sehr gute Chancen aus.


Ick könnte dit Hundeleben für Politiker aber natürlich noch verhindern: Lieber Berliner Landespolitiker, weeßte schon, wat du dafür machen musst, wa? … So und nu kannste dir entscheiden!


Der ungestüme Kettenhund Alfons


(Meine hier jeäußerte Meinung zu Säugetieren und zu Berliner Politikern gibt nicht zwangsläufig die Auffassung von die BMT GST Berlin wieder. Dit hier wurde im Zuge von die Meinungsfreiheit veröffentlicht und begründet sich in meine artspezifische Wahrnehmung als Canis lupus familiaris. Alfons)

 

Johanna Stein